2tes Probekapitel

Story on TypewriterWer die Inhalte auf der Webseite zu Der Kristall intensiv gelesen und auch in die letzten Ecken geschaut hat, hat das zweite Kapitel ja längst gefunden. Trotzdem möchte ich dieses auch als einzelnen Beitrag veröffentlichen, damit es einen prominenteren Platz bekommt und auch auf externen Quellen verlinkt werden kann.

Hinweis: Obwohl das zweite Kapitel inhaltlich eigenständig ist, lohnt es sich, zuerst den Prolog und das erste Kapitel zu lesen.


Im Frühjahr 2016 wurde von den Astronomen Konstantin Batygin und Michael E. Brown auf­grund theoretischer Überlegungen ein großer Himmelskörper postu­liert, der unsere Sonne auf einer langgestreckten Bahn weit außerhalb der äußeren Planeten umkreist.

Seitdem wird dieser Himmelskörper von der internationalen Gemeinschaft der Astronomen ge­sucht. Gefunden wurde er bis heute nicht.
In diesem Kapitel lernt Ihr das Astronomenteam rund um Professor Mark Watson kennen, die kurz vor einer unglaubliche Entdeckung stehen.
Das Dilemma
 


Das Dilemma

Das vollkommene Chaos beherrschte den fensterlosen Raum, aber nur für das ungeübte Auge. Auf allen Tischen lagen Papierstapel und auf­ge­schla­gene Bücher. Die unzähligen Whiteboards waren mit nahezu unleserlichen Formeln, Diagrammen und Symbolen vollge­kritzelt. Einiges davon war ober­flächlich ausgewischt und über­schrie­ben worden, so als hätte jemand eilig Platz gesucht und sich nicht die Mühe machen wollen, das Board gründlich zu putzen. Oder vielleicht waren die verbleibenden Aufzeich­nungen einfach zu wert­voll, um ausgewischt zu werden. Oder beides.

Mark saß an seinem Tisch und starrte schon seit Stunden bewe­gungs­los auf seine drei großen Bildschirme.

„Hmm, das passt alles nicht zusammen“, sagte er bereits zum wiederholten Male. Die Unzu­frieden­heit in seiner Stimme war nicht zu überhören und er sprach laut, auch wenn er die Worte mehr an sich selbst als an die anderen Personen im Raum gerichtet hatte.

„Es muss ein Fehler vorliegen. Es muss einfach.“

Seine Team­kol­legen igno­rierten ihn. Nicht weil sie Mark nicht ernst nahmen, son­dern weil sie ihn nicht stören wollten.

Sie kannten sein Verhalten gut; Mark war etwas auf der Spur.

Professor Mark Watson leitete seiner jungen Jahre zum Trotz – er war erst 34 Jahre alt – die Arbeitsgruppe Instrumentation, Surveys and Projects am renommierten Institut für Astronomie der altehr­würdigen Universität Cambridge. Früher hatten er und sein Team sich auf die Suche nach erdähnlichen Planeten in entfernten Sonnen­systemen konzentriert, aber seit dem 19ten Januar 2016 befand sich die Welt der Astronomen in heller Aufregung. An diesem Tag hatten die Forscher Konstantin Batygin und Michael E. Brown des Cali­fornia Institute of Technology verkündet, dass weit außerhalb der Umlaufbahn von Neptun ein weiteres großes Objekt in unserem Sonnensystem existieren musste. Dieser hypothetische Planet, von der internationalen Forschergemeinde vorläufig schlicht Planet Neun genannt, wurde seitdem weltweit von vielen Teams gejagt.

Mark und sein Team hatten sich vor zwei Jahren ebenfalls dieser Aufgabe verschrieben. Das ärgerliche Problem mit Planet Neun war jedoch, dass ihn bis zu diesem Tag niemand direkt hatte beob­achten können. Er war einfach zu weit da draußen, uner­reichbar für das Sonnenlicht und daher mit optischen Teleskopen nicht zu entdecken.

Auch Batygin und Brown hatten den Nachweis nur auf Basis von Computeranalysen beobachteter Bahnanomalien einiger trans­neptu­nischer Himmels­körper und der äußeren Planeten des Sonnen­sys­tems erbracht. Diese Anomalien waren schon länger bekannt gewe­sen, konnten aber erst durch Batygin und Brown schlüssig durch die Anwesenheit eines großen Himmelskörpers am äußersten Rand unseres Sonnen­systems erklärt werden. Dieser sollte nach den Be­rech­nungen ungefähr über die 10-fache Erdmasse verfügen und die Sonne in einem Abstand von 1000 – 3000 AE[1], also dem maximal dreitausend­fachen Abstand der Erde zur Sonne, umkreisen.

Marks Erstarrung löste sich und er legte seinen Kopf zuerst auf die linke und dann auf die rechte Schulter, wie um eine Verspannung in seinem Nacken zu lösen. Dann drehte er seinen Stuhl langsam nach links und schaute Anthony mit zusammengekniffenen Lippen lange und schweigend an.

„Es kann nicht sein, aber die Daten lassen keinen anderen Schluss zu“, sagte Mark leise und sah dabei Anthony konzen­triert, ja fast beschwörend, direkt in die Augen.

„Was kann nicht sein?“, fragte Anthony. Er spürte, dass gerade etwas sehr Bedeutendes geschah.

Sie jagten Planet Neun bereits seit über zwei Jahren. Die ein­fachen Modelle von Batygin und Brown hatten es seinerzeit nicht erlaubt, die Posi­tion von Planet Neun auf seiner wahrscheinlich stark elliptischen Lauf­bahn genauer zu bestimmen. Mark und sein Team hatten sich daher darauf spezialisiert, ein präziseres mathe­matisches Modell zu erar­beiten, um anhand der Bahndaten der Planeten Neptun und Uranus sowie der kleineren transneptunischen Objekte eine exak­tere Vorher­sage der Position von Planet Neun zu ermö­glichen. Wenn sie damit Erfolg haben würden, sollte es gelingen, das extrem lichtschwache Objekt mit einem optischen Teleskop erfolg­reich zu lokalisieren.

Anthony zog seinen Rollstuhl rüber zu Mark und sah inte­ressiert auf dessen Bildschirme. „Was kann nicht sein?“, wieder­holte er, diesmal mit einem fragenden Seitenblick in Marks Rich­tung.

„Hier, das sind die Daten, die Batygin und Brown verwendet haben.“ Mark deutete mit einem Finger auf eine lange Zahlenkolonne auf dem linken Bildschirm. Unterhalb der Zahlen fanden sich eine Reihe von Formeln und daneben ein schematisches Diagramm der bisher vermuteten Umlauf­bahn des mysteriösen Ob­jekts.

Planet 9 Variante 1

„Die Bahndaten von Uranus und Neptun, die sie ihren Modellen zugrunde gelegt haben, deuten auf diese Umlaufbahn hin.“ Mark zeigte mit seinem Finger auf das Diagramm der Umlaufbahn und zog diese nach, ohne dabei den Bildschirm zu berühren. „Auch die Bahnneigungen von Sedna, TG422 und VP113, den bekann­testen und größten der trans­neptuni­schen Objekte, waren zu diesem Zeit­punkt mit dem Modell von Batygin und Brown in Überein­stimmung. Das Simulationsmodell, das wir 2017 selbst entwickelt haben, be­stätigt diese Umlaufbahn ebenfalls.“

Mark lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah Anthony durch­dringend an. „Wenn wir aber die Positionen zugrunde legen, die wir im letzten Monat am ESO[2] aufgezeichnet haben und zusätzlich auch die neueren Bahndaten von FE72 mit einfließen lassen, dann…“

Mark machte eine kurze, bedeutungsschwangere Pause und senk­te seine Stimme. „Dann stimmt nichts mehr.“

Mittlerweile hatten auch die anderen ihre Plätze verlassen, stan­den schweigend hinter Mark und Anthony und hörten gebannt zu.

„Ich habe die neueren Daten alle zusammengeführt und durch unsere Simulation laufen lassen.“ Wie zur Bestätigung deutete Mark auf den mittleren Bildschirm. Auch hier fanden sich lange Kolonnen win­ziger Zahlen und eine Menge Formeln. Das skizzierte Bahndia­gramm auf der rechten Seite sah aber gänzlich anders aus.

„Wenn wir mal davon ausgehen – und ich denke, das können wir – dass die Mechanik der Himmelskörper sich in den letzten zwei Jahren nicht geändert hat, dann bleiben am Ende nur zwei Mög­lichkeiten zur Lösung der Gleichungen und beide sind“ – auch an dieser Stelle machte Mark eine kurze Pause – „extrem unwahr­schein­lich.“

Während er noch sprach, sprang Mark auf und ging zum großen Whiteboard an der Stirnseite des Raums. Ohne darauf zu achten, was er wegwischte, zog er ein Tuch in schnellen, abgehackten Bewe­gun­gen über das Board, um Platz zu schaffen. Mit sicherer, geübter Hand zeichnete er die bisher angenommene Umlaufbahn für Planet Neun auf das Whiteboard.

„Wenn wir also weiterhin der Hypothese von Batygin und Brown folgen, dass die Bahn von Planet Neun weit außerhalb der Bahn von Uranus verläuft, dann lassen sich die Gleichungen mit den neueren Daten der Bahnanomalien von Sedna und FE72 nur lösen, wenn wir die Masse von Planet Neun erhöhen, und zwar auf ziemlich genau drei Jupitermassen.“

Mark blickte erwartungsvoll in die Runde. Fast alle schüttelten erstaunt und ungläubig den Kopf.

„Wie das?“, platzte Freya, die einzige Frau im Team, heraus. „Bei dieser Masse müsste Planet Neun riesig sein und wir hätten ihn längst entdeckt.“

Mark hätte gerne mehr weibliche Mitglieder in seinem Team gehabt, insbesondere, wenn sie so attraktiv waren wie Freya. Das war in seinem Fachgebiet aber eine Seltenheit, wie er nur zu gut wusste.

„Das ist wohl wahr, aber es gibt noch eine zweite Möglichkeit“, postulierte Mark leise und zeichnete ein weiteres Bahndiagramm.

Planet 9 Variante 2

„Wenn wir annehmen, dass die Masse von Planet Neun im Bereich von einigen wenigen Erdmassen liegt, dann ist eine Lösung der Gleichungen auch möglich, wenn Planet Neun auf einer kometen­artigen Bahn um die Sonne läuft. Seine Bahn würde dann die Lauf­bahn der Erde schneiden.“ Mark hielt kurz inne und fuhr dann noch eindringlicher fort. „Und nach den vorlie­genden Daten müsste sich Planet Neun bereits zwischen Saturn und Jupiter auf dem Weg ins innere Sonnensystem befinden. Dann wäre er aber eben­falls be­reits zu sehen.“

Mark ließ seinen Blick noch einen Moment auf den Dia­grammen ruhen. Dann seufzte er und wandte sich um.

„Wir haben hier ein echtes Dilemma“, schloss er nach­denk­lich und sah die anderen an. Niemand sagte etwas.

„Machen wir uns an die Arbeit“, hauchte er in die Stille.


[1] Ein AE, die astronomische Einheit, entspricht mit 149.597.870.700 Meter dem Abstand der Erde zur Sonne. Die Erde läuft auf einer leicht elliptischen Bahn um die Sonne, daher handelt es sich bei dem Abstand um einen Mittelwert.
[2] ESO = Europäische Südsternwarte in der Atacama-Wüste in Chile. Die ESO besteht aus vier identischen, optischen Teleskopen, die als Interferometer zusammengeschaltet werden können und dann extrem hohe Auflösungen erreichen.

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